Kultur und Tradition auf der Osterinsel von Chile

Fünf Stunden geradeaus übers Meer fliegen und im gleichen Land landen. Das geht nur in Chile, zu dem die Osterinsel gehört. Bei Google Earth erkennt man es am besten: ein Dreieck im weiten Meer, knapp 164 Quadratkilometer groß, an jeder Ecke ein Vulkan, fast menschenleer bis auf den einzigen Ort. Hanga Roa, der hat 3300 Einwohner und eine Runway, die die Amerikaner als Notlandebahn für ihre Space Shuttles anlegten. Der kleine Flughafen ist ein Familientreff. Mit Blumenketten werden lang vermisste Mitglieder unter Freudentränen begrüßt, andere mit Muschelketten und Abschiedstränen auf die Reise geschickt. Polynesische Rituale, wie man sie von Tahiti kennt. Aus dieser Richtung, 4000 Kilometer entfernt, wurde die Osterinsel nach letzten Erkenntnissen vor etwa 800 Jahren kolonisiert.

Die Insel leuchtet grün. Wohin man blickt, nichts als Grasland. Früher war die Insel dicht mit Palmwand bewachsen. Heute wölbt sich das Gras über flache Vulkankegel und reißt am steinigen Küstensaum ab. Im Meer stehen Pferde und saufen. Eine Mutation, die mit Salzwasser klarkommt? Pferde gibt es auf Rapa Nui mehr als Menschen. Halbwild, die Insel ohne Zäune, stehen sie in Wiesen, Kratern und Gemüsegärten, traben in Trüppchen am Straßenrand entlang und grasen in aller Seelenruhe zwischen Petroglyphen und Moai. Umwelt- und Kulturschützer würden die Pferde am liebsten in Ställe sperren. Für Rapa Nui sind sie Symbole von Status und Freiheit. Bis vor 40 Jahren stand die Insel unter chilenischem Kriegsrecht. Bis dahin besaßen Rapa Nui keine chilenische Staatsbürgerschaft und waren in einem mit Stacheldraht umzäunten Kral gefangen. Ihre Insel wurde seit 1895 als private Schaf- und Rinderfarm betrieben. Nicht weiter verwunderlich also, dass sie mit Chilenen nicht auf Freundschaftsfüßen stehen.

Die gespannte Seite der Insulaner zeigt Hanga Roa, das sich just an der Stelle entwickelte, wo sie früher hinterm Zaun dahinvegetierten. Jetzt ein charmantes Südseedorf mit bunten Holzhäusern und blühenden Gärten, durchflutet von schwülwarmer Pazifikbrise, hin und wieder von tropischen Schauern benässt. Wenn nicht gerade ein Pick-up durch das halbe Dutzend Teerstraßen röhrt, ist es still. Das ändert sich nur am Wochenende, wenn das Jungvolk auf die Piste geht. Immerhin gibt es zwei Diskotheken in der „Hauptstadt“ der Osterinsel.

Wann die Rapa Nui von ihrer Ahnenverehrung abließen und sich dem Vogelmannkult widmeten, bleibt ein Mysterium. Ziemlich sicher ist, dass lange Zeit Chaos und Anarchie herrschte und die Einwohnerzahl drastisch schrumpfte.

Wir stehen auf dem Ranu Kao und blicken vom Kraterrand ein paar hundert Meter in die Tiefe. Auf der einen Seite in einen kreisrunden See, auf der anderen ins Meer, das schäumend an drei Felsen leckt. Sie sind Brutplätze der Rußseeschwalbe. Einst stürzten sich im Frühjahr junge Männer die Klippe hinab, schwammen zum Motu Iti, suchten ein unbeschädigtes Ei dieser Vögel und versuchten, es heil zurückzubringen. Wer als erster ankam, wurde für ein Jahr zum Vogelmann erklärt und hatte die Macht über den Nabel der Welt, wie die Insel auch genannt wird, inne. Sein Clan genoss währenddessen höchstes Ansehen. Das ehemalige Zeremoniendorf Orongo am Kraterrand wurde restauriert. Den Hang darunter schmücken zahlreiche Petroglyphen von Vögeln, Walen, Haien und Schutzgott Make Make.

Mutproben unter jungen Polynesiern haben immer noch mit Sippenehren, aber noch mehr mit Vergnügen zu tun. Die gefährlichste heißt Haka Pei und findet während des großen Inselfestes Tapati Anfang Februar statt. Rücklings auf einem Bananenstamm liegend, rutschen die nackten Teilnehmer einen Hang des Maunga Orito hinunter. Das Gefälle des 220 Meter hohen Hügels sorgt für Spitzengeschwindigkeiten von 80 Stundenkilometer. Ob der Gewinner allerdings die Inselkönigin, die während der Festivitäten gewählt wird, beglücken darf bzw. nach der Tortur noch kann, bleibt ein weiteres Mysterium.

Tags: , , November 12th, 2015 Posted in Urlaub

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