Bangkok – die Stadt der Buddhatempel

In Bangkok überraschen buddhistische Traditionen, Paläste und Mega-Shoppingcenter ebenso wie eine Fahrradtour am Stadtrand.

Die kleinste Münze soll mir Glück bringen, die werde ich aufheben und als Talisman mit nach Hause nehmen. Kaum habe ich das Chaiwat beim Verlassen des Tempels erzählt, blickt er mich erschrocken an. Eilig erklärt er, dass die kleine Schale mit Münzen, die ich im Tempel des liegenden Buddhas, im Wat Pho in Bangkok, für 50 Baht gekauft habe, komplett gespendet werden muss. Wer auch nur eine einzige für sich behält, dem wird schreckliches Unglück widerfahren. Dabei hat es mich so begeistert, die 45 Meter entlang der goldglänzenden, liegenden Buddha-Statue je eine Münze in die 108 kleinen Spendentöpfe zu verteilen und dabei jedes Mal einen Wunsch frei zu haben. Neben dem Königspalast gilt dieser Tempel aus dem Jahre 1789 als einer der wichtigsten Thailands.

An den überdimensionalen Fußsohlen symbolisieren 108 Tafeln aus Perlmutt-Einlegearbeiten die Tugenden eines wahren Buddhisten. Auf dem Gelände mit den vier Chedis, den Tempeltürmen, in Grün, Orange, Gelb und Blau lohnt die „Watpo Thai Traditional Medical and Massage School“ einen Abstecher. Bereits vor 150 Jahren wurden an der ältesten Medizinschule des Landes Studenten unterrichtet und noch heute werden hier die traditionellen Methoden gelehrt. Wer einfach nur relaxen möchte, gönnt sich für etwa 400 Baht eine ganze Stunde professionelle Thaimassage. Obwohl ungefähr 30 Personen in einem großen Saal gleichzeitig massiert werden, entsteht kein Gefühl der Massenabfertigung. Ich höre nur ein gleichmäßiges Murmeln – ansonsten genieße ich einfach die tiefe Entspannung.

So fühle ich mich bestens gerüstet, um den Wat Phra Keo in Bangkok, Thailands bekannteste Tempelanlage mit dem Königspalast, zu erkunden. Vor dem Boot, der Gebetshalle, mit dem Altar des Smaragdbuddhas stapeln sich die Schuhe – jeder will das sechzig Zentimeter große Nationalheiligtum sehen. Kurios für Europäer: Schuhe gelten als Indikator für die Beliebtheit einer heiligen Stätte. Damit sich beim Verlassen des Tempels keine langen Warteschlangen bilden, legt jeder seine Schuhe zuvor fein säuberlich in nummerierte Fächer. Hier sind die Regale sogar für Thais und Gäste getrennt – die Einheimischen haben die Prozedur längst verinnerlicht und müssen so nicht auf die viel langsameren Touristen warten. Um den Smaragdbuddha ranken sich viele Legenden, seine Herkunft ist bis heute nicht endgültig geklärt. Angeblich soll er aus Indien stammen. Im Jahre 1434 wurde er erstmalig erwähnt, als ein Blitz in den Chedis eines Tempels in Chiang Rai einschlug und dabei unter einer Hülle aus Gips die kleine grüne Figur zum Vorschein kann. Irrtümlich hielt der Abt, der die Statue entdeckte, das Material für Smaragd – doch eigentlich besteht der Buddha aus Jade und wird daher auch als Jadebuddha bezeichnet. Erst 1784 erhielt er seinen jetzigen Platz in Wat Phra Keo in Bangkok.

Der heilige Buddha trägt stets ein der Jahreszeit entsprechendes Gewand. Drei Mal im Jahr – zum Sommer, zur Regenzeit und zum Winter wird in einer königlichen Zeremonie ein Wechsel seiner Gewänder vorgenommen. Auch wenn der Smargdbuddha als Hauptattraktion gilt, sollte man nicht versäumen, die Galerien mit den faszinierenden Wandmalereien, den von zwei vergoldeten Chedis umgebenen Königlichen Pantheon und natürlich den Königspalast mit den beiden Audienzhallen zu besichtigen. Überall glitzert Gold, Fayencen und Skulpturen zieren die Wände und grimmige Wächterfiguren, die Riesen symbolisieren, flankieren die Tempel.

Von der alten Kultur zurück in die Gegenwart: Weil ich Abstand von der Hektik der Neun-Millionen-Metropole Bangkok suche, gönne ich mir ein Dinner im Restaurant Breeze im State Tower. Auf der 51. Etage des Wolkenkratzers am Chao Praya Fluss erscheint die Realität so fern und so nah zugleich. Die hell erleuchtete Stadt liegt mir en miniature zu Füßen, während der Lärm der Straßen wie schallgedämpft nach oben dringt. Zur Rush hour staut sich der Verkehr vierspurig stadtauswärts, Tuk-Tuks heulen auf, während die Trillerpfeifen der Polizisten Autofahrer zur Ordnung rufen. Digitale Anzeigen zählen den Ampelcountdown bis zum nächsten Farbwechsel – jede Sekunde wird genutzt. Jede Sekunde nutzen die Thais offenbar auch zum Essen: Egal ob um Mitternacht oder um sechs Uhr früh – gegessen wird eigentlich immer und überall. Vorzugsweise in den kleinen Garküchen, welche die Straßen säumen und aus denen es alle paar Meter anders duftet – ob nach im Wok gegartem Gemüse, Fleischspießchen, Suppen oder scharfen Currys. Es heißt, die Thais leben um zu essen, und die Mönche essen um zu leben. Nämlich nur zwei Mal am Tag. Die in orangefarbene Gewänder gekleideten Bettelmönche sind allgegenwärtig. Ich bewundere ihre scheinbar schlafwandlerische Ruhe, mit der sie sich durch das Chaos der Millionenmetropole bewegen.

Wer Bangkok aus einer anderen Perspektive erleben will, erkundet die Stadt vom Wasser aus. Ob Expressboote, Personenfähren, Linienboote oder Reisbarken – die Möglichkeiten sind vielfältig. Besonders empfehlenswert ist eine Longtailboot-Tour, bei der berühmte Baudenkmäler wie das Wat Arun, der Tempel der Morgenröte, an mir vorbei ziehen. Ich passiere zudem Wohnhäuser, die direkt auf Stelzen ins Wasser gebaut sind und eine bevorzugte Wohnlage „in der ersten Reihe“ genießen. Ihre „Vorgärten“ sind komplett mit Wasserhyazinthen überwuchert, die sich explosionsartig vermehren. Mehrere Male pro Woche müssen die Kanäle davon befreit werden, um den Schiffsverkehr nicht zu behindern. Auf ehemaligen Reisbarken finden am Abend so genannte Dinner Cruises statt: Die Stadt zieht während eines mehrgängigen Menüs auf der Loy Nava im Sonnenuntergang an den Passagieren vorüber.

Noch mehr buddhistische Geschichte wird in der historischen Stadt Ayuthhaya, der ehemaligen Hauptstadt des Königreiches Siam, lebendig. Sie liegt nur eine knappe Stunde von Bangkok entfernt und gehört seit 1991 zum Unseco-Weltkulturerbe. Neben dem königlichen Tempel Wat Phra Sri Sanphet auf dem Gelände des alten Königspalastes beeindruckt der bis heute genutzte Wat Yai Chai Mongkon. Letzterer Tempel mit einem 62 Meter hohen Chedi bleibt durch eine große liegende Buddhastatue in Safranrobe sowie unzählige Buddhafiguren, die sich direkt um den Chedi gruppieren, unvergessen. Wie alle Buddhastatuen schauen sie nach unten, um den Blick der Gläubigen zu begegnen, die nach oben zu ihnen aufsehen. Unterschiedlich ist jedoch die Haltung der Hände, die in jeder der sechs bekannten Positionen eine andere Bedeutung hat. Im Schoß ineinander verschränkte Hände mit nach oben weisenden Handflächen zeigen einen meditierenden Buddha. Ist die rechte Hand mit nach außen gekehrter Handfläche auf Schulterhöhe erhoben, symbolisiert die Statue Segen und Schutz. Als ich beobachte, wie Besucher um den Chedi spazieren und dabei Münzen als Glücksbringer fallen lassen, weiß ich, was mit meiner letzten Münze aus dem Wat Pho geschehen muss. Ich spende sie dem Tempel – nur so kann ich mein Unglück anscheinend noch abwenden. Ob ich jetzt auch das Glück habe, nach Bangkok zurückzukehren? Das weiß sicher der Wahrsager im Tempel, der zwanzig Stäbchen in einem Bambusrohr schüttelt und eines davon auf den Boden fallen lässt. Die Zahl auf dem Stäbchen hat entweder eine positive oder eine negative Bedeutung. Die optimistischen Thais versuchen den Wurf durchaus so lange, bis sich eine positive Zahl ergibt. Manchmal muss man dem Glück eben ein wenig nachhelfen.

Tags: , , November 18th, 2015 Posted in Asien

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