Eine Reise auf die portugiesische Insel Madeira

Einmal Königin sein. Von der Sonne geweckt werden. Über taufeuchtes Gras laufen, auf den lila Blüten des Jacarandabaumes liegen, zur Frühstücksterrasse gehen. Durch einen Garten, in dem es wie ein Gewächshaus duftet und blüht – rosa Azaleen, rote Kamelien, blaue Hortensien, orange Papageienblumen, weiße Callas und gelbliche Agaven. Und hinter allem das Blau des Atlantiks, das mit dem strahlenden Himmel verschwimmt. Auf Madeira wird dieser Traum wahr.

Die Blumeninsel im Atlantik ist fast drei Flugstunden von Portugal entfernt, im Südosten liegt Afrika, im Westen ist das nächste Festland Amerika. Mein Hotel mitten in der Hauptstadt Funchal liegt in einem riesigen Garten, rundherum Bäume und eine Mauer. Die „Casa Branca“ ist ein altes Herrenhaus, eine Quinta. Früher mussten Pächter den fünften Teil, den „quinta parte“ ihrer Ernte an den Grundbesitzer entrichten. Davon bauten sich die feinen Herrschaften ihre Quintas – immer umgeben von schwelgerischen Gärten und einem hohen Wall. Man liebte es diskret. Und very british. Schließlich stammten viele Landeigentümer aus Großbritannien. Seit dem 18. Jahrhundert kamen die Engländer zuhauf nach Madeira. Hier gab es in ihren Augen alles, was man zum Leben brauchte. Madeira Wein und ein Wetter, in dem herrlich exotischen Pflanzen wuchsen. Und ein ordentliches Maß „splendid isolation“, das kannte man ja von daheim. Doch die Zeiten änderten sich, die Quintas verfielen. Erst seit wenigen Jahren werden sie renoviert und häufig zu Hotels der Luxusklasse umgebaut.

Ich mache mich auf den Weg in die Stadt, die sich wie eine in Schale geworfene Dame präsentiert, herausgeputzt und elegant. An der Hafenpromenade sehe ich den Schiffen beim Anlanden und Abfahren zu, schlendere durch die schwarzweiß gemusterten Kopfsteingassen, schaue in die Schaufenster von luxuriösen Boutiquen, bestaune auf dem Markt die exotischen Früchte und die glotzäugigen Fische. Und die Blumen. Edle Majestäten, denen nach einer Bühne zumute zu sein scheint. „Stolz von Madeira“ heißt eine besonders prachtvolle, pfahlartig aufragende blaue Blume.

Ich setze mich in das Art-déco-Café „Teatro“, in der Hand einen Bica, wie der portugiesische Kaffee heißt, und ein süßes Pastel de Nata, ein Sahnegebäck, das wie cremiges Glück schmeckt. Abends gibt es portugiesische Tapas, Venusmuscheln und ein Gläschen Madeira-Wein. Schwer und harzig liegt er auf der Zunge. Auch wenn das Glas leer ist spürt man noch lange seinen Nachhall.

Am nächsten Tag zieht es mich in den Norden. Ich fahre durch Lorbeerwälder, über Hügel und Berge, über das Hochmoor bei Paul da Serra. Dort steige ich aus und mache im Tal der 25 Quellen eine wunderschöne Wanderung zu einem Wasserfall. Weiter geht es durch Haarnadelkurven, an deren Rändern das Wasser in den „Levadas“, den kleinen Gräben, plätschert. Weiße, elegante Callas und üppige Hortensien wuchern so wild wie bei uns Sträucher und Büsche. Der Norden Madeiras ist eher rau, das Land ist grün und fruchtbar, denn es regnet hier öfter, da die Wolken an den steilen Bergen hängen bleiben. An den Steilhängen wachsen Wein, Bananen und Zuckerrohr.

Ich biege um eine letzte Kurve und habe die Nordküste erreicht. Wieder der Atlantik. Sein Blau, seine Unendlichkeit, seine Wucht. Auf der Via Antiga fahre ich gen Westen. Die alte Ringstraße, die um die ganze Insel führt, ist schmal. Sie windet sich durch kleine Tunnel, an bemoosten Felsen vorbei, auf denen Flechten, Farne, sogar Orchideen wachsen. Wasser fällt von den Steinen, im Dunst tanzen Regenbögen. Und rechter Hand, immer und ewig das Meer. Schäumend weiß bricht es sich in gurgelnden Strudeln. Graue Steine, mit Moos und Kakteen geschmückt, struppiges Blattwerk und borstige Dolden trotzen dem Meer. In Porto Moniz, einem Badeort, sind Bassins in die Felsen gehauen, die der Atlantik immer wieder mit frischem Wasser füllt. Ich faulenze den Rest des Tages, lasse mich vom rhythmischen Brausen der Wellen langsam in den Schlaf singen.

Zurück in den Funchal will ich an einem anderem Erbe der Engländer teilhaben – dem Five o´Clock Tea in „Reid´s Palace Hotel“. Wie einst Winston Churchill throne ich auf der Terrasse in einem Korbstuhl. Unter meinen Füßen Marmor in schwarzweißem Schachbrettmuster. Vor mir eine silberne Etagere, auf der sich Gurkensandwiches, Scones mit Marmelade und Canapé-Miniaturen mit Lachs, Dill und Kaviar stapeln. Dazu feinster indischer Tee, von Kellnern in weißen Dinnerjackets serviert. Im Hintergrund wieder das magische Blau des Meeres, das ein geradezu zauberhaftes Glücksgefühl in mir weckt. Hier bin ich wirklich Königin – wenn auch nur für kurze Zeit.

Tags: , , , Oktober 26th, 2015 Posted in Portugal

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