Traditionelle Europäische Medizin – unsere Naturheilkunde hat viel zu bieten

Sie haben den Westen erobert – ohne Apparate, ohne Spritzen, mit viel Exotik und etwas Wellness. Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und das indische Ayurveda sind ganz nebenbei auch ein bisschen schick. Immer mehr gesundheitsbewusste Menschen kennen sich bestens aus mit Akupunktur und Yoga, Qi und Dosha, Tuina und Ölgüssen. Von Traditoneller Europäischer Medizin (TEM) haben jedoch die wenigsten gehört. Dabei gibt es auch bei uns eine über 2000 Jahre alte Medizintradition, die eine Fülle von Therapieverfahren bietet und auf das Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele baut.

Herb Border Mit dem Ansatz des ganzheitlichen Heilens liegt die traditionelle Medizin des Abendlandes jedenfalls voll im Trend. Immer mehr Menschen wollen sich im Einklang mit der Natur und möglichst ohne Nebenwirkungen gesund halten. Laut einer aktuellen Umfrage helfen sich mehr als 80 Prozent der Deutschen lieber erst mal mit Hausmitteln wie Kohlwickeln und Kräutertee als sich am Medizinschrank an Pillen und Pülverchen zu bedienen. Und eine Studie des Berliner Instituts für Sozialmedizin ergab, dass europaweit über 150 Millionen Menschen auf Naturheilkunde und traditionelles Heilwissen setzen. Trotzdem ist der Begriff TEM und das, was man darunter versteht, weitgehend unbekannt. Allenfalls kennt man davon Facetten, zum Beispiel die Hildegard-Medizin oder die Wasser- und Kräuteranwendungen von Sebastian Kneipp, die in den letzten Jahren eine Renaissance erlebten.

Neben Bewegung, gesunder Ernährung und dem seelischen Gleichgewicht sind vor allem die Pflanzenheilkunde und unterschiedliche Reiztherapien das A und O, um in Balance zu bleiben und Krankheiten zu vertreiben. Einen besonders hohen Rang in der traditionellen Medizin nimmt die Physiotherapie ein. Bis heute ist die Kräuterheilkunde ein wichtiger Bestandteil der Volksmedizin.

Heute wird die Physiotherapie mit ihren rund 250 Arzneipflanzen vor allem von naturheilkundlich orientierten Ärzten und Heilpraktikern genutzt und lebt durch die Überlieferung alter Hausmittel. Das Anwendungsspektrum der Pflanzenheilkunde ist ähnlich breit gefächert wie das Angebot an Teemischungen, Tabletten, Säften, Salben oder Tinkturen. Bei der Aromatherapie werden häufig auch ätherische Öle verwendet. Stoffwechselstörungen, Herzerkrankungen, Rheuma, Hautbeschwerden – gegen vieles ist ein Kraut gewachsen.

Ein weiterer zentraler Pfeiler der TEM sind überlieferte Heilverfahren, die im Altertum helfen sollten, das Gleichgewicht der Säfte wiederherzustellen. Über Mund, Haut oder Darm versuchte man, mit Hilfe unterschiedlicher Techniken „krank machende Säfte“ auszuleiten. Aderlass, Brechmittel, Klistiere oder Blutegel waren übliche Methoden. Heute wird in der Alternativmedizin eher von „Entschlackung“ gesprochen und versucht, die Abbauprodukte des Stoffwechsels mit speziellen Massagen, Wickeln, Heilfasten, Trink- und Schwitzkuren zu beseitigen. Im Trend liegt jedoch auch das Schröpfen. Bei der über 3000 Jahre alten Behandlungsform arbeitet der Therapeut mit Schröpfgläsern, die auf der Haut Unterdruck erzeugen und dadurch die Durchblutung und den Stoffwechsel in der betroffenen Region anregen.

Neben ausleitenden Verfahren gibt es die traditionellen physikalischen Regulationstherapien, die die Selbstheilungskräfte des Körpers anregen sollen. Allen voran sind das Anwendungen mit Wasser, Wärme, Kälte und Luft – klassische Naturheilverfahren, die auch unter dem Begriff „Medical Wellness“ boomen. Moor- oder Seeheilbäder, heilklimatische Kurorte, Felke-, Schroth- oder Kneippkuren sind ein lebendiges Stück TEM, das in über 350 deutschen Heilbädern und Kurorten sowie in weit über 1000 Kurorten in Europa existiert.

traditionelle-europaeische-medizin-1 Besonders beliebt sind Kneippkuren, und obwohl lange vor ihm andere Heilkundige damit arbeiteten, verbindet man das Stichwort „Wasser“ fast automatisch mit Pfarrer Kneipp, der Mitte des 19. Jahrhunderts Güsse, Bäder, Wickel und Wassertreten zu seinem Schwerpunkt machte. Die Kuren wirken nach einem thermischen und mechanischen Prinzip. Wasser reguliert den Wärmehaushalt, Reize werden von der Hautoberfläche rasch ins Körperinnere geleitet. Das regt den Kreislauf, die Durchblutung und das Immunsystem an, stärkt das vegetative Nervensystem und härtet ab. Gängige Anwendungen sind kalte Wadengüsse, um die Gefäße zu trainieren, oder heiße Fußbäder bei Erkältungen. Seit Jahrhunderten bekannt ist auch die medizinische Wirkung von Wärme, die die Durchblutung eines Gelenks oder Organs fördert und Heilungsprozesse anschiebt. Je nach Beschwerdebild nutzt man feuchte oder trockene Anwendungsmethoden wie beispielsweise Wärmflaschen bei Ischiasschmerzen oder Zwiebelwickel bei Schnupfen. Das Spektrum reicht vom Heublumensack über Fangopackungen bis Rotlicht oder Sauna. Häufig nutzt man Wärme bei Erkältung, Bauchschmerzen, Verspannungen und Entzündungen. Noch relativ neu aber erfolgreich ist die Wärmetherapie bei Bandscheiben- und Krebsleiden.

Die Wirkung von Kälte wird schon von Hippokrates beschrieben, und auch heute ist die Therapie mit Kältereizen wichtig bei Rheuma, neurologischen Beschwerden (Kopfschmerzen) und Sportverletzungen. Eissprays, Eiskompressen oder Cold-Packs bewirken, dass sich die Blutgefäße zusammenziehen, sie lindern Schwellungen und wirken blutstillend.

Ein weiteres Verfahren zur Gesunderhaltung ist die Klimatherapie, das Heilen mit der Luft. Ihre Qualität und Temperatur, die Reinheit und der Feuchtigkeitsgehalt waren schon im Altertum von Bedeutung. Heute wissen wir, dass klimatische Gegebenheiten positiv auf den Organismus wirken. So gelten das Klima an Nord- und Ostsee, aber auch im Mittel- und Hochgebirge als besonders heilsam, sowohl präventiv als auch als Reha-Maßnahme bei Erkrankungen der Haut und der Atemwege.

Viele weitere Verfahren, vor allen aus der Bewegungs- und Ernährungslehre, zählen zur TEM, auch sogenannte „ordnungstherapeutische Methoden“ wie Meditation oder autogenes Training.

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