Gallen- und Nierensteine – die stille Volkskrankheit
Wie fühlt sich das eigentlich an, Steine im Körper? Wie Murmeln, die durch den Magen rollen? Oder wie Kieselsteine unter den Füßen? Oder wie Sand zwischen den Zähnen? Und wie groß sind diese Steine? Bei Gallen- und Nierensteinen driftet unsere Vorstellung ins märchenhaft Merkwürdige. Wir wissen nicht, wie sie entstehen, wie sie therapiert werden, wie wir ihrer Entstehung vorbeugen können. Sie sind eine stille Volkskrankheit, eine, von der zwölf Millionen Deutsche, Tendenz steigend, betroffen sind. Ein Großteil allerdings, ohne es zu wissen und zu spüren.
Und sie sind eine Zivilisationskrankheit. Ursache für viele dieser Steine ist, dass wir uns zu wenig bewegen und uns falsch ernähren. Aber auch hormonelle Veränderungen im Körper und eine erbliche Vorbelastung begünstigen das Entstehen.
Der Organismus ist in diesen Fällen aus dem Gleichgewicht geraten. An Körperstellen, an denen sich gewöhnlich Flüssigkeiten in Hohlräumen ansammeln, etwa in der Gallenblase, den Nieren oder den Speicheldrüsen, ist dann die innere Balance gestört. Bestimmte Körperstoffe kristallisieren und verklumpen. Am erstaunlichsten ist es, dass diese Fremdkörper häufig gar keine Beschwerden verursachen. So brauchen rund 75 Prozent der Menschen mit Gallensteinen ihr ganzes Leben nicht mit Schmerzen oder gesundheitlichen Einschränkungen zu rechnen. Diagnostiziert werden diese Steine meist erst, wenn sie tatsächlich Schmerzen und Krämpfe auslösen. Oft werden sie auch eher durch Zufall entdeckt, wenn etwa bei einer Ultraschalluntersuchung des Magenbereichs nach ganz anderen Krankheiten gesucht wird.
Die drei häufigsten Stellen, wo sich diese Steine anlagern, sind die Gallenblase, die Nieren und die Speicheldrüsen. Sie unterscheiden sich in ihrer Zusammensetzung, den Beschwerden und teilweise darin, wie sie behandelt werden.
Gallensteine sind die Steine, mit denen die meisten Menschen zu kämpfen haben. Zwischen 8 und 10 Millionen Deutsche haben mindestens einen davon. Gallensteine entwickeln sich auf unterschiedlichste Weise. Meist handelt es sich um Cholesterinsteine, die entstehen, wenn die Galle bei der Verdauung ein Übermaß an Cholesterin nicht mehr verarbeiten kann. Die zweite Variante sind Bilirubinsteine, ein Abbauprodukt des roten Blutfarbstoffes. Beide Stoffe können sich jedoch auch zu einem Stein kombinieren.
Frauen sind wesentlich häufiger betroffen als Männer, weil das weibliche Hormon Östrogen die Bildung von Gallensteinen fördert. Daneben begünstigen Übergewicht, eine stark fetthaltige Ernährung und eine genetische Veranlagung ihren Wuchs.
Mit Gallensteinen kann man viele Jahre beschwerdefrei leben. Erst wenn es zu Gallenkoliken kommt, werden sie zu einer echten Belastung. Sie haben dann begonnen, in der Gallenblase zu wandern und verstopfen schließlich den Gallengang. Die Folgen sind starke Schmerzen und heftige Krämpfe im Oberbauch, die manchmal bis in den Rücken und die rechte Schulter ausstrahlen.
Gallensteine werden entfernt, indem man die gesamte Gallenblase wegoperiert – heute ein Routineeingriff.
Rund zweieinhalb Millionen Deutsche haben einen oder mehrere Nierensteine, die zweithäufigste Form von Ablagerungen im menschlichen Körper. Auch hier ist die Tendenz steigend. Sogar Kinder erkranken immer häufiger daran. Oft sind die Steine nur so groß wie ein Reiskorn, sie können jedoch auf einen Durchmesser von mehreren Zentimetern anwachsen. Äußerst selten füllen sie dann das gesamte Nierenhohlsystem aus. Sie setzen sich aus Bestandteilen des Urins zusammen, die in den Kanälen der Niere und im Nierenbecken vorkommen.
Für die Wissenschaftler sind Nierensteine oft ein Hinweis auf einen ungesunden Lebenswandel. Bewegungsmangel, zu wenig Trinken und falsche Ernährung mit salzhaltigen Lebensmitteln wie Pommes frites, Hamburgern und Wurst gelten als Auslöser.
Wie auch bei der Galle werden Nierensteine oft gar nicht oder nur zufällig entdeckt, weil sie keine Probleme bereiten. In rund 80 Prozent der Fälle kommt es zu einem sogenannten Spontanabgang über den Urin, sodass keine Behandlung nötig wird. Durch viel Trinken, Hüpfen und Springen lässt sich dieser Vorgang sogar beschleunigen. Erst größere Steine, über 1 Zentimeter, können schmerzhaft werden. Vor allem, wenn sie in Richtung Blase wandern, die Harnleiter verstopfen und so eine Kolik auslösen.
Bei kleineren Steinen setzen Ärzte in der Behandlung auf pflanzliche, ausscheidungsfördernde Mittel. Sind die Steine größer als 1 Zentimeter, können auflösende Medikamente helfen.
Um neue Steine zu verhindern muss der Patient wissen, wie sich die alten zusammensetzen. War der Stein kalziumhaltig, sollte man in der Ernährung tierische Eiweiße reduzieren. Wer zu Harnsäuresteinen neigt, sollte purinhaltige Nahrungsmittel wie Fleisch, Räucherfisch, Hülsenfrüchte oder Pilze meiden. Bei sogenannten Oxalatsteinen ist zum Beispiel bei Rhabarber, Spinat, Kakao und schwarzem Tee Vorsicht geboten.
Zur Vorbeugung helfen viel Bewegung und Gemüse, wenig Fleisch, Fett und Salz. Darüber hinausÜbergewicht abbauen und 3 Liter und mehr am Tag trinken.
Der ungewöhnlichste unter den drei häufigsten schmerzenden Steinen ist der Speichelstein. Bei 1,2 Prozent der Bevölkerung tritt er auf. Bei 80 Prozent entsteht er in den Unterkieferspeicheldrüsen, sonst in den Ohrspeicheldrüsen der Wangen.
Die Ursache ist eine Verdickung des Speichels, etwa infolge anhaltenden Flüssigkeitsmangels oder bestimmter Erkrankungen. Ist das Umfeld zu trocken, kristallisieren Salze und andere Bestandteile des Speichels und können den Ausführungsgang der Drüse verstopfen. Folge: Beim Essen schwillt die Drüse an und schmerzt.
Bis vor wenigen Jahren wurde bei 70 bis 80 Prozent aller Patienten die Drüse operativ entfernt. Dabei bestand jedoch immer die Gefahr, dass Nerven verletzt und Teile des Gesichts gelähmt werden könnten. Heute behandelt man größere Steine meist mit Hilfe der Stoßwellentherapie. Sie werden, wie auch bei den Nierensteinen, zerkleinert. Kleinere Speichelsteine können sogar einfach ausmassiert werden.
Um vorzubeugen empfehlen auch hier die Ärzte, viel zu trinken, um den Speichelfluss zu verbessern. Alles, was das Wasser im Mund zusammenfließen lässt, kann helfen, also Bonbons und Zitronen lutschen oder Kaugummi kauen. Selbst der Gedanke an die Lieblingsmahlzeit kann den Speichel fließen lassen.



